Information zur Sicherstellung der Zeitschrift "Sputnik"
Signatur: BStU, MfS, HA XIX, Nr. 4774, Bl. 2
Als der Ministerrat der DDR die Auslieferung der sowjetischen Monatszeitschrift "Sputnik" stoppte, wollte er damit Berichterstattung im Zeichen von Glasnost verhindern. In der Ausgabe 10/1988 war ein kritischer Artikel über den ehemaligen sowjetischen Regierungschef Josef Stalin.
Die sowjetische Monatszeitschrift "Sputnik" existierte seit 1967 in der UdSSR und erschien in mehreren Sprachen. Sie sollte das Erscheinungsbild des Landes in sozialistischen Staaten und in westlichen Ländern verbessern und verzichtete deswegen weitgehend auf sozialistische Rhetorik. Mit Beginn von Glasnost und Perestroika in der Sowjetunion informierte "Sputnik" in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre auch über die Reformpolitik Gorbatschows und griff frühere Tabuthemen auf, wie die Verbrechen Stalins. In der DDR eröffnete die Zeitschrift ihrer Leserschaft damit eine willkommene Abwechslung in der Medienlandschaft.
Von der SED-Führung wurde sie hingegen zunehmend kritisch betrachtet. Als die November-Ausgabe von 1988 den in der DDR-Geschichtsschreibung geleugneten Hitler-Stalin-Pakt thematisierte sowie die Stalin-hörige KPD der 20er Jahre kritisierte, untersagten SED-Funktionäre am 18. November 1988 den weiteren Vertrieb der Zeitschrift in der DDR. Das Heft wurde eingezogen und eingestampft - mit der Begründung, die Zeitschrift enthalte "keinen Beitrag, der der Festigung der deutsch-sowjetischen Freundschaft dient, statt dessen verzerrende Beiträge zur Geschichte".
Aus dem vorliegenden Bericht geht hervor, dass 180.000 Exemplare der Ausgabe 10/1988 des "Sputnik" einbehalten wurden, weil mehrere kritische Artikel zum Thema Stalinismus enthalten waren. Die Mitteilung ging an den Stellvertretenden Minister für Staatssicherheit, Rudi Mittig, sowie an die Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe (ZAIG).
Metadaten
- Diensteinheit:
- Hauptabteilung XIX
- Urheber:
- MfS
- Datum:
- 3.10.1988
- Rechte:
- BStU
Hauptabteilung XIX
Nr. 565 / 88
Berlin, 03. Oktober 1988 [Unterschrift unleserlich]
Information
über die Sicherstellung der UdSSR-Zeitschrift "Sputnik", Nr. 10/88
Auf Entscheidung des Presseamtes des Ministerrates der DDR vom 30.09.1988 wurden 180.000 Exemplare der UdSSR-Zeitschrift "Sputnik", Nr. 10/88, sichergestellt und kommen vorerst nicht zur Auslieferung an die Abonnenten bzw. an den Postzeitungsvertrieb.
In dieser Zeitschrift sind mehrere Artikel mit dem BIick auf den Stalinismus enthalten, die unter Nutzung der Möglichkeiten von "Glasnost" verfaßt sind.
So u. a. ein Artikel des Chefredakteurs mit der Überschrift "Wozu auf die Vergangenheit zurückkommen?, in dem auf die Geschichte der UdSSR eingegangen wird. Hervorgehoben wird die Unrichtigkeit der Beschreibung in den Geschichtsbüchern und das an das Volk vermittelte Wissen.
In einem weiteren Artikel "Stalin und der Krieg" wird über die Rolle Stalins in der Geschichte der UdSSR informiert, sowie die Frage polemisch abgehandelt, ob es ohne Stalin Hitler gegeben hätte.
Weitere Artikel befassen sich mit dem Kundschafter Dr. Richard Sorge, mit Stalin und der Partisanenbewegung.
Über eine eventuelle Nachauslieferung des "Sputnik", Nr. 10/88, wird noch zentral entschieden.
Anlage
[Handschriftliche Ergänzung: [unleserlich] Mittig]
Verteiler:
Gen. Generaloberst Mittig
ZAIG